Rechtsprechung
| VGH Baden-Württemberg, 01.08.1996 - A 12 S 2456/94 |
Volltextveröffentlichungen (2)
- Landesrecht Baden-Württemberg
Art 16a Abs 1 GG, § 51 Abs 1 AuslG 1990, § 51 Abs 3 AuslG 1990
Keine Gruppenverfolgung der Sikh in Indien; Einzelfall der Verfolgungsgefahr für einen Funktionär der Khalistan-Bewegung; Asylrechtsausschluß wegen Beteiligung an Terrorismus - Ausschluß des Abschiebungsverbotes nach AuslG 1990 § 51 beurteilt sich ausschließlich nach AuslG 1990 § 51 Abs 3) - VD-BW Rechts- und Vorschriftendienst(Abodienst, kostenloser Testzugang, Einzelerwerb möglich, Leitsatz frei) (Volltext und Leitsatz)
Indien; Sikh; Gruppenverfolgung; Folter; Terrorismus; Abschiebungsverbot Ausschluß
Verfahrensgang
- VG Karlsruhe, 02.03.1994 - A 10 K 16081/91
- VGH Baden-Württemberg, 01.08.1996 - A 12 S 2456/94
Wird zitiert von ... (6)
- OVG Thüringen, 29.03.2001 - 3 KO 827/98
Asylrecht aus Kartenart 1, 4; Asylrecht; Indien; Punjab; Sikh; Khalistan Commando …
Es gab Anhaltspunkte, wonach die Massaker an den Sikhs nicht Ausdruck spontaner Wut und Trauer über den Mord waren, sondern unter Mitwirkung ortsansässiger Kongressmitarbeiter planmäßig durchgeführt worden seien (VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 1. August 1996 - A 12 S 2456/94 - zitiert nach juris - m. w. N., insb. auf Dietmar Rothermund (Hrsg.), Handbuch Indien, 1995, S. 205, 207).1987 wurde das Regionalparlament in Chandigarh aufgelöst und der Punjab mit der Verhängung der ,,President's Rule" der direkten Verwaltung durch die Zentralregierung in Neu-Delhi unterstellt (VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 1. August 1996 - A 12 S 2456/94 - a .a. O. m. w. N.; Rothermund (Hrsg.), Handbuch Indien, S. 207).
Während im Jahr 1994 insgesamt 76 militante Sikhs getötet wurden, ist nach dem Lagebericht des Auswärtigen Amtes vom 9. Dezember 1995 ,,niemand umgekommen" (VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 1. August 1996 - A 12 S 2456/94 - a. a. O. m. w. N.).
Angehörige der Khalistan-Bewegung waren allein wegen der Forderung nach einem unabhängigen Staat Khalistan außerhalb des Punjab und insbesondere in Neu-Delhi keiner asylrechtlich erheblichen Verfolgung ausgesetzt (VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 1. August 1996 - a. a. O. m. w. N., etwa auf Erhard Haubold, Aussage vor dem VG Köln vom 14. Januar 1992, Dr. Gabriele Venzky, Aussage vor dem VG Köln vom 3. Februar 1992; vgl. auch OVG Brandenburg, Beschluss vom 3. Januar 1997 - 4 A 256/96.A - und Beschluss vom 9. April 1999 - 2 A 158/97.A - zitiert nach juris).
Der Kläger hätte auch außerhalb des Punjab infolge der anerkannt wirtschaftlichen Tüchtigkeit der Sikhs keine unüberwindlichen Schwierigkeiten gehabt, sich ein wirtschaftliches Existenzminimum zu erarbeiten (vgl. VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 1. August 1996 - A 12 S 2456/94 - a. a. O. m. w. N.):.
Seit 1992/1993 beruhigte sich die politische Lage, nachdem im Februar 1992 wieder freie Landtagswahlen im Punjab stattgefunden hatten (vgl. VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 1. August 1996 - A 12 S 2456/94 - a. a. O. - m. w. N.; AA, Lagebericht vom 9. Dezember 1994, Stand: 1. Dezember 1994; AA, Lagebericht vom 12. September 1995, Stand: August 1995; Rothermund (Hrsg.), Handbuch Indien, S. 207 f.; s. o. unter 1.).
Mit dem Nachlassen des politischen Terrorismus seit Ende 1993/1994 ist auch die Gefahr, Opfer einer willkürlichen Verhaftung zu werden, für (jüngere) Sikhs geringer geworden (VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 1. August 1996 - A 12 S 2456/94 - a. a. O. m. w. N.).
Maßnahmen nach dem National Security Act (NSA) und dem Terrorist And Other Disruptive Activities (Prevention) Act (TADA) richteten sich gegen junge Männer, die verdächtigt wurden, Verbindungen zu bewaffneten Separatistengruppen zu unterhalten (vgl. etwa AA, Lagebericht vom 12. September 1995, Stand: August 1995; VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 1. August 1996 - A 12 S 2456/94 - a. a. O. m. w. N.).
Verfolgung aus religiösen Gründen findet ebenfalls nicht statt (AA, Lagebericht vom 12. September 1995, Stand: August 1995; VGH Baden- Württemberg, Urteil vom 1. August 1996 - A 12 S 2456/94 - a. a. O. m. w. N.).
Sikhs sind auch vor Übergriffen Dritter in Indien hinreichend sicher (VGH Baden- Württemberg, Urteil vom 1. August 1996 - A 12 S 2456/94 - a. a. O. m. w. N.).
Zwangsmaßnahmen gegen gewaltlose Befürworter eines Staates Khalistan außerhalb des Punjabs und der angrenzenden Staaten Haryana und Uttar Pradesh sind nicht anzunehmen (zur Sicherheit außerhalb des Punjabs: Dr. Gabriele Venzky, Aussage vor dem VG Köln vom 3. Februar 1992; Erhard Haubold, Aussage vor dem VG Köln vom 14. Januar 1992; AA an VG Sigmaringen vom 14. Januar 1997; AA an VG Sigmaringen vom 28. April 1997; AA an VG Aachen vom 9. Mai 1997; vgl. auch AA an VG Frankfurt/Main vom 6. Mai 1999;… zur inländischen Fluchtalternative auch Bundesamt vom 1. Mai 2000, S. 15 f.; vgl. zu möglichen Fluchtalternativen auch Rat der Europäischen Union an CIREA vom 5. Juli 2000, Ziff. 8.7.1.; vgl. VGH Baden- Württemberg, Urteil vom 1. August 1996 - A 12 S 2456/94 - a. a. O. m. w. N.; ferner OVG Brandenburg, Beschluss vom 3. Januar 1997 - 4 A 256/96.A - …und Beschluss vom 9. April 1999 - 2 A 158/97.A - a. a. O.).
- OVG Sachsen, 02.11.2005 - 1 B 492/03
Indien Punjab, Sikh Khalistan, ISYF
Allerdings führte das seit der Entstehung der Religionsgemeinschaft der Sikh ("Jünger/Schüler") als der Anhängerschaft von zehn in den Jahren 1469 - 1708 lebenden religiösen Führern (Gurus) bestehende Bestreben der Gemeinschaft um Bewahrung und Schutz ihrer religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Selbständigkeit - nach der militanten Abwehr von Islamisierungsversuchen, nach der Abwehr britischer Herrschaft bis zur Erlangung der Unabhängigkeit des indischen Staates im Jahr 1947 und nach zunächst friedlichen Forderungen nach Staatsautonomie für den Punjab ("Khalistan-Staat") - in den achtziger Jahren unter der Führung von Sant Jarnal S. Bhindranwale, der die Stellung der bis dahin einflussreichten moderaten Partei Akali Dal zurückdrängte, zu einer Radikalisierung und Eskalation, die den Punjab in ein von Terror überzogenes Krisengebiet verwandelte (vgl. zur Geschichte der Sikhs seit dem 15. Jahrhundert und zur Entstehung des gewaltsam ausgetragenen Konflikts um den Punjab Bericht des Südasien-Instituts, Abteilung Rechtswissenschaft, vom 26.4.2004 an das VG Gelsenkirchen, dort unter 1.2.1; Bericht der dänischen Delegation des Rates der Europäischen Union vom 5.7.2000 - CIREA 45 - S. 7 ff;… ThürOVG, Urt. v. 29.3.2001 - 3 KO 827/98 -, InfAuslR 2002, 154; VGH Bad.-Württ., Urt. v. 1.8.1996 - A 12 S 2456/94 -, Rn. 32 nach Juris).Jedoch kam es ab 1993 zu einer Beruhigung der Verhältnisse und dem Nachlassen des Terrorismus im Punjab, als zu dessen Gouverneur ein Sikh gewählt wurde und wo es (nach 76 Toten von 1994) im Jahr 1995 auch nicht mehr zu Tötungen militanter Sikhs kam (…Lagebericht des Auswärtigen Amtes vom 12.9.1995, S. 6; VGH Bad.-Württ., Urt. v. 1.8.1996 - A 12 S 2456/94 -, zit. nach Juris).
Für ein landesweites staatliches Verfolgungsprogramm bestehen keine Anhaltspunkte (…vgl. (vgl. ThürOVG, Urt. v. 29.3.2001 - 3 KO 827/98 -, InfAuslR 2002, 154; VGH Bad.-Württ., Urt. v. 1.8.1996 - A 12 S 2456/94 -, Rn. 32 nach Juris).
- OVG Sachsen, 02.11.2005 - A 1 B 492/03
Indien, interne Fluchtalternative, Erreichbarkeit, Punjab, Haryana, Uttar …
Allerdings führte das seit der Entstehung der Religionsgemeinschaft der Sikh (,,Jünger/Schüler") als der Anhängerschaft von zehn in den Jahren 1469 - 1708 lebenden religiösen Führern (Gurus) bestehende Bestreben der Gemeinschaft um Bewahrung und Schutz ihrer religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Selbständigkeit - nach der militanten Abwehr von Islamisierungsversuchen, nach der Abwehr britischer Herrschaft bis zur Erlangung der Unabhängigkeit des indischen Staates im Jahr 1947 und nach zunächst friedlichen Forderungen nach Staatsautonomie für den Punjab (,,Khalistan-Staat") - in den achtziger Jahren unter der Führung von Sant Jarnal S. Bhindranwale, der die Stellung der bis dahin einflussreichten moderaten Partei Akali Dal zurückdrängte, zu einer Radikalisierung und Eskalation, die den Punjab in ein von Terror überzogenes Krisengebiet verwandelte (vgl. zur Geschichte der Sikhs seit dem 15. Jahrhundert und zur Entstehung des gewaltsam ausgetragenen Konflikts um den Punjab Bericht des Südasien-Instituts, Abteilung Rechtswissenschaft, vom 26.4.2004 an das VG Gelsenkirchen, dort unter 1.2.1; Bericht der dänischen Delegation des Rates der Europäischen Union vom 5.7.2000 - CIREA 45 - S. 7 ff;… ThürOVG, Urt. v. 29.3.2001 - 3 KO 827/98 -, InfAuslR 2002, 154; VGH Bad.-Württ., Urt. v. 1.8.1996 - A 12 S 2456/94 -, Rn. 32 nach Juris).Jedoch kam es ab 1993 zu einer Beruhigung der Verhältnisse und dem Nachlassen des Terrorismus im Punjab, als zu dessen Gouverneur ein Sikh gewählt wurdeund wo es (nach 76 Toten von 1994) im Jahr 1995 auch nicht mehr zu Tötungen militanter Sikhs kam (…Lagebericht des Auswärtigen Amtes vom 12.9.1995, S. 6; VGH Bad.-Württ., Urt. v. 1.8.1996 - A 12 S 2456/94 -, zit. nach Juris).
Für ein landesweites staatliches Verfolgungsprogramm bestehen keine Anhaltspunkte (…vgl. (vgl. ThürOVG, Urt. v. 29.3.2001 - 3 KO 827/98 -, InfAuslR 2002, 154; VGH Bad.-Württ., Urt. v. 1.8.1996 - A 12 S 2456/94 -, Rn. 32 nach Juris).
- VG Sigmaringen, 15.10.2003 - A 1 K 10601/99
Abschiebungsverbot - Ausschlussgrund für ISYF-Funktionär aus Indien
Die Kammer geht davon aus, dass ihn die Ausübung dieser Ämter sowie die Veröffentlichung der Ergebnisse der entsprechenden "Wahlen" in diese Ämter in der Zeitung Des Pardes in das Blickfeld der indischen Behörden geraten ließen, er auf den Fahndungslisten verzeichnet ist und er bei seiner Rückkehr am Flughafen mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit mit seiner Verhaftung rechnen muss (vgl. zur Gefährdung hervorgehobener exilpolitisch tätiger Mitglieder der ISYF am Flughafen: VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 01.08.1996 - A 12 S 2456/94 - VG Ansbach, Urteile vom 02.03.2000 - AN 16 K 99.31450 - und vom.Der VGH Baden-Württemberg ging in seinem Urteil vom 01.08.1996 - A 12 S 2456/94 - aufgrund der damaligen Auskunftslage (Nachweise siehe dort) davon aus, dass ein Sikh, der durch seine hervorgehobene Funktion in einer Gruppe der Khalistan-Bewegung (ISYF) bekannt geworden ist, im Rahmen eines polizeilichen Ermittlungsverfahrens mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit mit (asylerheblicher) Folter rechnen müsse.
- VG Mainz, 27.04.2005 - 7 K 755/04
Indien, Punjabi, Sikhs, Nachfluchtgründe, Subjektive Nachfluchtgründe, …
Das Gericht geht davon aus, dass ihn die Ausübung dieses Amtes sowie die Veröffentlichung seiner Wahl in der Zeitschrift ,,Punjab Times" Wisakhi, Sonderausgabe, Ausgabe Nr. 2054 vom 20. April 2005 in das Blickfeld der indischen Behörden geraten ließ, er auf den Fahndungslisten verzeichnet ist und er bei seiner Rückkehr am Flughafen mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit mit seiner Verhaftung rechnen muss (vgl. zur Gefährdung hervorgehobener exilpolitisch tätiger Mitglieder extremistischer Sikh-Organisationen am Flughafen: VGH Baden- Württemberg, Urteil vom 01. August 1996 A 12 S 2456/94 - VG Ansbach, Urteil vom 23. Mai 2001 AN 16 K99.31355 VG Aachen, Urteil vom 29. Januar 2002 5 K 2520/00.A -, VG Sigmaringen…, Urteil vom 15. Oktober 2003, a.a.O., Seite 11). - VG Gelsenkirchen, 07.09.2004 - 14A K 79/03 Diese Erkenntnislage spricht dafür, dass gerade bei der Verfolgung von Straftaten mit politischem Hintergrund die Gefahr der Anwendung von Folter höher und intensiver einzuschätzen ist, als dies sonst der Fall sein mag, vgl. so auch VG Sigmaringen, Urteil vom 15. Oktober 2003 - A 1 K 10713/99 -, S. 10 des amtlichen Umdrucks; VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 1. August 1996 - A 12 S 2456/94 ., S. 22 ff. des amtlichen Umdrucks, mögen in den dort entschiedenen Fällen die Kläger auch als Funktionäre (der ISYF) eingestuft worden sein.
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