Rechtsprechung
   BGH, 13.02.1996 - VI ZR 402/94   

Verlust des Original-EKG

§ 823 Abs. 1 BGB, Arzthaftung, Reichweite der Beweiserleichterungen bei Verstoß gegen die Befunderhebungs- und -sicherungspflicht;

§ 823 Abs. 1 BGB, zur Frage eines "groben Behandlungsfehlers" (als Voraussetzung für eine Beweislastumkehr) beurteilt das Gericht, nicht der Sachverständige

Volltextveröffentlichungen (3)

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    BGB § 823
    Umfang der Beweiserleichterungen zugunsten des Patienten bei nicht ordnungsgemäßer Aufbewahrung eines Original-EKG; Anforderungen an den Kausalitätsnachweis

Kurzfassungen/Presse

  • recht.com (Leitsatz/Auszüge/Zusammenfassung)

Zeitschriftenfundstellen

  • BGHZ 132, 47
  • NJW 1996, 1589
  • MDR 1996, 694
  • NJW-RR 1996, 859
  • VersR 1996, 633



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Wird zitiert von ... (86)  

  • OLG Brandenburg, 05.04.2005 - 1 U 34/04  
    Allerdings muss der Arzt an der Sachverhaltsaufklärung mitwirken; eine mangelhafte - unvollständige oder sonst nicht ordnungsgemäße - Dokumentation der Untersuchung bzw. Behandlung kann zu Beweiserleichterungen für den Geschädigten bis hin zu einer Beweislastumkehr führen (s. BGH NJW 1978, S. 1681, 1682; NJW 1978, S. 2337, 2338 f.; NJW 1983, S. 332; NJW 1988, S. 2949 f.; NJW 1989, S. 2330, 2331; NJW 1993, S. 2375, 2376; NJW 1995, S. 1611, 1612; NJW 1996, S. 779, 780 f.; NJW 1996, S. 1589 f.; NJW 1999, S. 3408, 3409 f.; Palandt/Sprau, aaO., § 823 Rdn. 161; Zöller/Greger, aaO., vor § 284 Rdn. 20 a; Müller, aaO., S. 491).

    Hinsichtlich des Nachweises der Kausalität zwischen Behandlungsfehler und (Körper- bzw. Gesundheits-)Schaden können Dokumentationsmängel hingegen nur dann und insoweit zu Beweiserleichterungen führen, als sich aus diesen Mängeln Beweiserschwernisse für den Geschädigten ergeben und die Ursächlichkeit zumindest wahrscheinlich ist (s. BGHZ 99, S. 391, 398 ff.; BGH NJW 1988, S. 2949, 2950; NJW 1989, S. 2330, 2331; NJW 1993, S. 2375, 2376 f.; BGHZ 132, S. 47, 49 ff., 52 = NJW 1996, S. 1589, 1590; Palandt/Sprau, aaO., § 823 Rdn. 161).

    Handelt es sich jedoch um einen schweren ("groben") Behandlungsfehler, ist er als solcher geeignet, den eingetretenen Schaden zumindest mitursächlich herbeizuführen, und ist ein Kausalzusammenhang nicht ganz unwahrscheinlich, so ist es Sache des Anspruchsgegners (des Arztes oder Krankenhausträgers) zu beweisen, dass es an der Kausalität zwischen der Pflichtverletzung und dem (Körper- oder Gesundheits-)Schaden fehlt (Beweislastumkehr; s. etwa BGHZ 85, S. 212, 215 ff.; BGH NJW 1987, S. 705; NJW 1988, S. 2303, 2304; NJW 1988, S. 2948; NJW 1988, S. 2949, 2950 f.; NJW 1993, S. 2375, 2376 f.; NJW 1995, S. 1611, 1612 f.; NJW 1996, S. 1589, 1590 f.; NJW 1996, S. 2428; NJW 1997, S. 796, 797; NJW 1998, S. 814, 815; NJW 1998, S. 1782, 1783; NJW 1999, S. 861, 862; NJW 1999, S. 862; NJW 2004, S. 2011, 2012 f. = GesR 2004, S. 290, 292 f.; Senat, NJW-RR 2000, S. 24, 26 = MedR 2000, S. 85, 88; VersR 2002, S. 313, 315 = MedR 2002, S. 149, 152; NJW-RR 2003, S. 1383, 1386 = MedR 2004, S. 226, 230 = VersR 2004, S. 1050, 1052); Palandt/Sprau, aaO., § 823 Rdn. 162; Zöller/Greger, aaO., vor § 284 Rdn. 20 a; Müller, aaO., S. 489 f.).

    Ein schwerer ("grober") Behandlungsfehler ist ein eindeutiger, fundamentaler Verstoß gegen bewährte ärztliche Behandlungsregeln oder gesicherte medizinische Erkenntnisse, der nach den gesamten Umständen des konkreten Falles aus objektiver Sicht nicht mehr verständlich erscheint und einem Arzt schlechterdings nicht unterlaufen darf (s. BGHZ 85, S. 212, 215 ff.; BGH NJW 1995, S. 1611, 1612 f.; NJW 1996, S. 1589, 1590 f.; S. 2428; NJW 1997, S. 796, 797; NJW 1998, S. 814, 815; S. 1782, 1783; NJW 1999, S. 860, 861; S. 862; NJW 2001, S. 2792 f.; S. 2794; S. 2795, 2796; Senat, NJW-RR 2000, S. 24, 26 = MedR 2000, S. 85, 88; VersR 2002, S. 313, 314 = MedR 2002, S. 149, 151; NJW-RR 2003, S. 1383, 1385 = MedR 2004, S. 226, 229 = VersR 2004, S. 1050, 1052; Palandt/Sprau, aaO., § 823 Rdn. 162; Zöller/ Greger, aaO., vor § 284 Rdn. 20 a; Stefen/Dressler, Arzthaftungsrecht, 9. Aufl. 2002, Rdn. 522 ff.; Müller, aaO., S. 489 f.).

    Die Feststellung eines schweren ("groben") Behandlungsfehlers stellt eine auf tatsächliche Anhaltspunkte gestützte juristische Wertung dar, die auf Grundlage einer Gesamtbetrachtung des Behandlungsgeschehens unter Berücksichtigung seiner Würdigung durch einen medizinischen Sachverständigen anhand eines berufsspezifischen ärztlichen Sorgfaltsmaßstabs getroffen wird; es handelt sich um eine tatrichterliche Beurteilung, die allerdings nicht lediglich auf einer bloß eigenen Wertung des Tatrichters beruhen darf, sondern auf der Grundlage der vom medizinischen Sachverständigen mitgeteilten Fakten und fachmedizinischen Bewertung des Behandlungsablaufs geschehen muss (s. BGH NJW 2004, S. 2011, 2013 = GesR 2004, S.290, 292; NJW 2001, S. 2791; S.2792 f.; S.2794 f.; S.2795, 2796; NJW 1999, S. 860, 861; S. 862, 863; NJW 1998, S. 1782, 1783; NJW 1997, S. 798 f.; NJW 1996, S. 1589, 1590; NJW 1995, S. 778 f.; Senat, VersR 2002, S. 313, 314 = MedR 2002, S. 149, 151; Steffen/Dressler, Arzthaftungsrecht, 9. Aufl. 2002, Rdn. 517 ff.; Palandt/Sprau, aaO., § 823 Rdn. 162; Müller, aaO., S. 490).

  • BGH, 23.03.2004 - VI ZR 428/02  

    Arztrecht - Kausalität des Behandlungsfehlers

    a) Ohne Rechtsfehler und von der Revision als ihr günstig nicht angegriffen ist das Berufungsgericht allerdings davon ausgegangen, daß die vom erkennenden Senat entwickelten Grundsätze, wonach ein Verstoß des Arztes gegen die Pflicht zur Erhebung und Sicherung medizinischer Befunde Beweiserleichterungen für den Patienten zur Folge haben kann (vgl. Senatsurteile BGHZ 132, 47, 52 ff.; vom 6. Juli 1999 - VI ZR 290/98 - VersR 1999, 1282, 1284; vom 29. Mai 2001 - VI ZR 120/00 - VersR 2001, 1030, 1031 m.w.N.), auch im Streitfall herangezogen werden können.

    Dies rechtfertigt es, dem Patienten in einem solchen Fall Beweiserleichterungen zu gewähren (vgl. Senatsurteil BGHZ 132, 47, 52).

    Es hat im Ansatz zutreffend angenommen, daß auch eine - nicht grob - fehlerhafte Unterlassung der gebotenen Befunderhebung dann zu einer Umkehr der Beweislast hinsichtlich der Kausalität des Behandlungsfehlers für den eingetretenen Gesundheitsschaden führt, wenn sich bei Abklärung mit hinreichender Wahrscheinlichkeit ein reaktionspflichtiges positives Ergebnis gezeigt hätte und sich die Verkennung dieses Befundes als fundamental oder die Nichtreaktion hierauf als grob fehlerhaft darstellen würde (vgl. Senatsurteile BGHZ 132, 47, 52 ff.; vom 6. Juli 1999 - VI ZR 290/98 - VersR 1999, 1282, 1283; vom 29. Mai 2001 - VI ZR 120/00 - aaO; vom 8. Juli 2003 - VI ZR 394/02 - VersR 2003, 1256, 1257 - jeweils m.w.N.; vgl. zum groben Befunderhebungsfehler BGHZ 138, 1, 5 f.).

    In den Fällen, in denen der Arzt gegen seine Pflicht zur Befunderhebung verstoßen hat, kommen nämlich wegen des Fehlens der sonst als Beweismittel zur Verfügung stehenden Untersuchungsergebnisse typischerweise verschiedene Schadensursachen in Betracht (vgl. Senatsurteil BGHZ 132, 47, 52).

  • OLG Karlsruhe, 20.12.2000 - 7 U 123/98  

    Schadensersatz und Schmerzensgeld: Arzthaftung, Fehlerhafte Behandlung,

    a) Nach der neueren Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes begründet die Unterlassung von Befunderhebungen (hier: der Einsicht in aktuelle Röntgenaufnahmen in zwei Ebenen) gegebenenfalls die Annahme, dass der Befund ein reaktionspflichtiges Ergebnis gehabt hätte (BGHZ 132, 47 = NJW 1996, 1589 und ständig).

    Ob ein Behandlungsfehlers als grob anzusehen ist, unterliegt der juristischen, auf tatsächlichen Anhaltspunkten beruhenden Wertung (BGHZ 132, 47/53 = NJW 1996, 1589/1590 und ständig).

    Nicht das Maß des Verschuldens rechtfertigt die aus dem groben Fehler folgenden Beweiserleichterungen, sondern die durch den groben Fehler verursachten Erschwernisse, die für den Mißerfolg der Behandlung in Betracht kommenden Umstände aufzuklären (BGHZ 85, 212/216; BGHZ 132, 47/51; BGH NJW 1988, 2949/2950), weil dieser elementar gegen Regeln ärztlicher Behandlung verstoßende Fehler das Spektrum der für den Mißerfolg in Betracht kommenden Ursachen verbreitert hat.

    Im Unterschied zu den Fällen, in denen der Bundesgerichtshof in Fortentwicklung seiner früheren Rechtsprechung (BGHZ 99, 391) davon ausgeht, daß die fehlerhaft unterlassene Befunderhebung bei hinreichender Wahrscheinlichkeit eines reaktionspflichtigen Ergebnisses die Vermutung begründet, dieses Ergebnis hätte sich gezeigt (außer den obigen Entscheidungen: BGHZ 132, 47/50 ff. = NJW 1996, 1589/1590; BGHZ 138, 1.4 f. = NJW 1998, 780/781; NJW 1998, 1781/1783), greift hier diese Vermutung nicht ein, denn es steht das Ergebnis der Befunderhebung fest.

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